Aufenthaltsort: Start Walthers Anthologie Frühstück im Bett/Julia Romazanova
Frühstück im Bett/Julia Romazanova
Geschrieben von: Werner Theis   

Julia Romazanova

Frühstück im Bett

Des Laibes jedes Stückchen will ich streichen:
Die Butter schmilzt, den Ofen macht' ich heiß.
Zwei Äpfel will ich dir zum Pressen reichen,
zwei harte Eier nehme ich als Preis.

Tauch dein Croissant in meine Marmelade
und trinke mehr vom süßen Apfelsaft:
Zum Gehen sind die Kräfte viel zu schade
ist das Vergehen einmal außer Kraft.

Netfinder:
http://www.leselupe.de/lw/titel-Fruehstueck-im-Bett-93778.htm

Es ist durchaus nicht so, dass nur die Herren der Schöpfung erotische Gedichte schrieben. Diese sind nur meist etwas expliziter als dieses hier. Wobei, wenn wir einmal beim Thema bleiben, was gibt es Schöneres als ein gemeinsames Frühstück im Bett?

Beim Lesen des Texts in der ersten Strophe könnte man an der Oberfläche bleiben und das Herstellen eines Buttercroissants aus den vorbereiteten Backlingen aus dem Kühlregal von Feinkost Albrecht denken. Das Bestreichen der kleinen Laibe mit Butter färbte diese in der Tat goldbrauner ein, als wenn man darauf verzichtete. Und ebenso müsste dazu das Ofenrohr angefeuert werden.

Schon bei den Äpfeln wird das Bild aber ein wenig schräg, denn das sollten doch Apfelsinchen sein (oder Orangen, wie man heute gerne sein). Das Pressen von Äpfeln geschieht in der gekochten Form, macht man es zuhause. Wer hat schon eine veritable Mostpresse in der Küche?

Die Autorin hat auf Wunsch des Interpreten folgende fünf Begriffe genannt, die sie mit dem Gedicht in Verbindung bringt:

  • Adam und Eva

  • Ambiguität auf Wortfeldebene

  • Parallelismus

  • Spiel mit Beinahe-Homophonie (bei Festlegung auf EINE Schreibweise)

  • Selbstüberwindung bei Anspielung auf explizite anatomische Details

Da merkt man ein wenig, dass sie Sprachwissenschaftlerin ist, und nun ein wenig die Erotik ihrer Verse hinter Fachbegriffen verbirgt. Dabei ist Scham gar nicht angebracht. Wer vermochte es schon, so viel mit so wenig zu sagen? Das Spiel mit Andeutungen ist doch die eigentliche Kunst, denn des Worts volle Bedeutung erschafft sich so in den Köpfen der Leser, und die Intention der Autorin ist so klar wie indirekt. Und sie lässt alle Zweifel offen, wäre da nicht das mit den Äpfeln und dem Apfelsaft, welches immer dann funktioniert, wenn die Frucht des nicht beschriebenen, aber projizierten Tuns erst gerade das Licht der Welt erblickt hat.

Aber dazu sind ja solche hitzigen Bettfrühstücke da: Sie sind sozusagen der magisch anziehende Seiteneffekt einer sehr ebenso natürlichen Aktivität wie Essen und Trinken, der des Vermehrens. Als anspornender Vorgeschmack auf das Danach winkt das unglaubliche Vergnügen dieser Tätigkeit. Und wie weit dieses Sehnen und Wissen in die Sprache und deren Rezeption vordringt, zeigt sich nicht nur in diesem wohlgesetzten Stückchen lyrischer Sprachkunst. Aber viel wichtiger ist eigentlich folgende Erkenntnis: Das alles geht auch in formal strenger und gefasster Reimform. Und das Schöne ist: Fast keiner hat das beim ersten Mal als störend vermerkt, als er den Text las. Und als er es bemerkt hat, war es ihm völlig egal.

Zur Autorin: Julia Romazanova , geb. 1984 in (damals noch) Leningrad (heute: St. Petersburg), kam im Jahre 1992 mit ihren Eltern nach Duisburg. Sie studierte ab 2003 Allgemeine Sprachwissenschaft, Psychologie und Kommunikationswissenschaft in Münster und erhielt 2008 den Titel Magistra Artium. Nach ihrem Studium zog sie nach Cardiff, Wales, und begann einen Studiengang (PGCE-Course), um Lehrerin für Fremdsprachen zu werden.

Veröffentlichungen:

Julia Romazanova, Hans Sonntag, Marcus Neuert (2007): Blauzeit: Gedichte, Engelsdorfer Verlag – (3 Gedichte)

Gedicht Elementar – A Lamment Are in ASP Nr. 7, Mai 2007

Webseite: http://www.abyssal.de/gastautoren/JuliaRomazanova

Veröffentlicht häufig in www.leselupe.de unter dem Avatar presque.rien

Weltweitweb, im Oktober 2009