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Phantastisches Genre - Cyberpunk
Geschrieben von: Jürgen olejok   

In diesem Artikel zu den verschiedenen Sub-Genre der Phantastik richten wir den Fokus auf eine Literaturform, die sich Ende der siebziger Jahre entwickelte und im Schlepptau einen neuen Zweig der Science-Fiction begründete - den Cyberpunk.
Streut man den Begriff Cyberpunk heutzutage in einer lockeren Diskussionsrunde über SF-Literatur ein, wird er mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit unterschiedliche Reaktionen hervorrufen. Da in diesem Genre die letzten großen Werke in deutscher Übersetzung Ende der neunziger Jahre erschienen sind, werden viele Fachleute des älteren Semesters desinteressiert abwinken und knapp erklären, daß der Cyberpunk tot sei. Als Begründung dient der Hinweis, daß die großen Verlage das Thema als "abgearbeitet" betrachten und diese Art der SF nicht genügend kaufinteressiertes Publikum generieren kann. Kurioserweise finden sich in den letzten Jahren häufig wieder Kurgeschichten und Romanwerke ein, die das Attribut Cyberpunk durchaus verdienen und, bei kleineren Verlagen publiziert, sehr positive Reaktionen bei der Leserschaft nach sich ziehen.
Es muß demnach mehr in der Thematik oder dem Handlungsszenario stecken, als allgemein vermutet wird. Gerade die junge Garde von Autoren, die sich mit der Fiktion einer nahen Zukunft auseinandersetzt, greift gerne auf den Cyberpunk zurück und, wenn man ein wenig genauer hinterfragt, wird ein Argument immer wieder genannt - Authentizität. Der Cyberpunk beinhaltet Mittel, die eine Story für den Leser glaubwürdig machen, weil sie nicht nur Hochrechnungen derzeitiger technologischer Entwicklungen beinhaltet, sondern durch spezielle Stilmittel im Bereich Dialog und Handlungsumgebung dem Leser ein Gefühl vermitteln, als Beobachter am Geschehen teilzunehmen.
Das oft zitierte "Bild im Kopf" während des Lesens wird zum beherrschenden Faktor, wenn es um den Bereich Cyberpunk in der Literatur geht.

Einleitung

Rückblickend betrachtet war der Cyberpunk thematisch ein Synonym für Romane und Kurzgeschichten, die sich mit der zeitnahen Extrapolation technischer und soziologischer Entwicklungen Anfang der Achtziger Jahre befasste. Inhaltlich allgegenwärtig war dabei die weltumspannende Vernetzung der Computertechnik, der beginnende Transhumanismus, dargestellt durch die Möglichkeit, über ein Interface direkt Informationen vom Gehirn zum Computer zu übertragen und der Vision einer liberalen Weltwirtschaft, die alle Fesseln einer politischen Regulierung längst hinter sich gelassen hat. Alle genannten Handlungselemente waren zu dieser Zeit reine Fiktion, technisch noch in den Kinderschuhen steckend und soziologisch betrachtet noch ein fernes Horrorszenario.
Unterstützt wurden diese Handlungselemente durch einen neuen Schreibstil, der Ende der siebziger Jahre erstmals in Kurzgeschichten das Licht der Welt erblickte - der New Wave Style.
Wie erschaffen für das erwähnte Szenario, ermöglichte der Sprachstil eine vollkommen neue Form der Science-Fiction Literatur. Für ein volles Jahrzehnt war der Cyberpunk die treibende Kraft im SF-Bereich der Verlage und sorgte für ausgezeichnete Umsätze. Als Anchor-Man eines ganzen Genres wurde William Gibson zu einem weltweit bekannten Autor und die Rekorde seiner Buchverkäufe sind legendär. So gehört der zweite Band seiner Bridge-Trilogie, Idoru, zu dem meist vorbestellten Werken aller Zeiten im Internet. Mehr als 50.000 Exemplare wurden vor Erscheinen des Werks geordert, weil einige Auszüge daraus vorher vom Autor selbst im Internet veröffentlicht wurden. Anfang des neuen Jahrtausends wurde es still um das Genre, bedingt auch durch die Tatsache, daß sich einige Fiktionen schon zu dieser Zeit verwirklicht hatten. Nichts ist in der phantastischen Literatur schlimmer als eine Vision, die sich bewahrheitet und für den Leser zur aktuellen Gegenwart wird. Die ursprüngliche Thematik hatte ihre Faszination verloren.
Durch aktuelle Entwicklungen, wie die Klimaerwärmung und ihre zukünftigen Auswirkungen, die Umweltverschmutzung und nicht zuletzt durch Forschungen im Bereich der Nanotechnologie gibt es aber wieder Themen, die für den New Wave Style prädestiniert sind. 

Handlungselemente und Szenario

Befasst man sich mit dem Thema Cyberpunk intensiver und versucht, die Gründe für die Begeisterung einer Generation für dieses Genre zu verstehen, müssen die Bestandteile selektiert werden. Konzentriert man sich erst einmal auf die Handlungselemente, eigentlich nur Beiwerk für eine gut geschriebene Story, erlangen sie beim Cyberpunk eine enorme Bedeutung. Die Symbiose von aktuellen Zeitthemen, Technik und Lifestyle-Produkten war ein Garant dafür, daß sich eine Leserschaft generierte, die von jugendlichem Interesse bis zum begeisterten
Technik-Freak mittleren Alters reichte. Die Extrapolationen der damaligen Entwicklungen im technologischen Bereich waren keine SFtypisch abstrakten Hypothesen, sondern basierten auf einer Technik, die zu diesem Zeitpunkt, wenn auch nicht so leistungsfähig, wie die fiktive Version im Roman, erhältlich war. Zur Blütezeit des Cyberpunk waren es Computer, Netzwerke und Zubehör, welche die Phantasie der Leser beflügelte und Begehrlichkeiten weckte. Die Beschreibung eines virtuellen Raumes, in dem man sich mittels Avatar weltweit bewegen konnte, war ein Traum, der nur durch unzureichende Hardware begrenzt war. Die Fortschritte in der Entwicklung immer leistungsfähigerer Computer würde dafür sorgen, dass der Traum Wirklichkeit wird... und ein paar Jahre später auch wurde. Kurioserweise fällt der Niedergang des ursprünglichen Cyberpunk zeitlich mit dem Ausbau des Internets, das die Ideen der Autoren verwirklichte, zusammen.  
Neben der Computertechnik war der Transhumanismus ein wichtiger Teil innerhalb des CP-Szenario. Abenteuer im virtuellen Raum mögen einen gewissen Reiz ausüben, nutzen aber wenig, wenn sich die Ergebnisse nicht im realen Leben zu barer Münze wandeln lassen. Die Protagonisten sind deshalb mit verschiedensten technischen und biomechanischen "Verbesserungen aufgerüstet", der Körper eine Symbiose aus High-Tech Elektronik und Wunder der Biotechnologie. So ausgerüstet, sind sie gleichzeitig Bindeglied und Aktionsfiguren für die Hacker, die sich per implantiertem Interface direkt ins Netz "einstecken". Die Möglichkeiten eines Handlungsszenarios auf Basis dieser Technologie sind ungleich höher und das Erzählelement "Action" bekommt eine neue, teilweise bizarre Bedeutung. So gehört der "Run", ebenfalls ein oft benutztes Handlungsszenario, das den Kampf des anarchistischen Computer-Hackers gegen die überlegenen und meist mit tödlichen Sicherheitsmaßnahmen ausgestatteten Konzerne beschreibt, zu den gern und oft benutzten Handlungsfäden.
Der Einzug von fernöstlichen Philosophien und Kampftechniken war ein weiteres wichtiges Element des Cyberpunk-Genre. Das "Erwachen des gelben Tigers", die Nation China als wirtschaftliche Macht, wurde schon damals als mögliche Entwicklung vorausgesehen und die Einflüsse fernöstlicher Geschäftspraktiken gehörten zum festen Bestandteil des CP-Genres.
Als allumfassender Handlungsrahmen nutzte der Cyberpunk ein meist dystopisch orientiertes Szenario, in dem die Machtverhältnisse zu Gunsten suppressiver Systeme, meistens in Form multinationaler Konzerne, gekippt sind. Noch vorhandene Reste von staatlichen Institutionen haben keinerlei Ordnungsfunktionen mehr. Dieser Rahmen komplettiert letztendlich das perfektes Zahnräderwerk einer Handlungsumgebung, die eine sehr wahrscheinliche und deshalb auch für den Leser authentische Fiktion unserer zukünftigen Welt darstellte. Das Zusammenfließen aller genannten Elemente war aber nur ein Bereich, der den Cyberpunk als völlig neuartige Form der Science-Fiction etablierte und im Segment SF bei den Verlagen für Goldgräberstimmung sorgte. 

Schreibstil

Cyberpunk war und ist aber wesentlich mehr, als nur die Addition von Handlungselementen und Szenarien, die einen stimmigen Handlungshintergrund erzeugen. Der wichtigste Unterschied zum SF-Mainstream ist der Ausdruck, oder anders betrachtet, die Formulierung einer Handlung oder Umgebung. Authentizität wird nur dann erreicht, wenn sich der Schreibstil den Geschehnissen einer Szene anpasst. Die latente Brutalität einer Cyberpunk-Geschichte, die inhaltlichen Action-Szenen und die Konzentration auf Protagonisten, die meist außerhalb jeglichem sozialen Gefüges stehen, kann niemals mit wohl formulierten Worten beschrieben werden. Die Dialoge und Gedanken werden nur dann glaubwürdig, wenn sie dem lebensnahen Hintergrund des Akteurs angepasst sind. Der eingangs erwähnte New Wave Style besitzt Mechanismen, die diese extravagante Sprachform unterstützen und einer Szene die viel zitierte Authentizität zur Verfügung stellt. In der allgemeinen Literatur vor den achtziger Jahren kaum zu finden, wird dieser Stil zum tragenden Gerüst des Cyberpunk. So gehört der "Slang" verschiedener Gruppierungen zum unerlässlichen Werkzeug für die Entstehung einer guten CP-Story. Um die Dynamik der erzählten Geschichte zu unterstützen, wird eine stakkatoartige Erzählform, die für Situations- und Umgebungsbeschreibungen dient, benutzt.
Dabei wird alles Überflüssige in entfernt, um ein intensiveres Bild für die gerade stattfindende Situation im Kopf des Lesers entstehen zu lassen. Es sind exakt diese stilistischen Möglichkeiten, die eine High-Tech-Story in ein Cyberpunk-Werk wandelt. Kurz gesagt, die Essenz des Cyberpunk liegt im Ausdruck, oder, wie es ein Autor einmal treffend formulierte: Ein Cyberpunk-Text muss sich wie ein Schaltkreis lesen, wie ein Zeilentrafo summen und wie eine Splitterbombe prasseln.
Es wäre allerdings ein folgenschwerer Irrtum zu glauben, daß man mit ein wenig Rücksicht auf dialektische Besonderheiten einen zündenden Dialog zwischen zwei Protagonisten aus dem Hut zaubern kann. Auch der beliebte Fehler von Autoren, die am Anfang ihrer Karriere mal eben einen CP-Text verfassen möchten und eine Reduzierung der beschreibenden Wörter, ohne die konkrete Situation zu bedenken, vornehmen, ist ein bekanntes Phänomen. Das offene Geheimnis besteht darin, daß man das grundsätzliche Handwerk der Literatur ohne Ausnahme verinnerlicht haben muss.  
Wenn man das Who is Who der besten Cyberpunk-Autoren studiert, fällt sehr schnell auf, daß nur Wenige den Stil erzählerisch umsetzen können. Die Ironie des New Wave Style liegt darin, daß er vollkommen gegensätzlich zur allgemein gültigen Lehre über Ausdrucksform und erzählerischer Ausführung steht. Um etwas "schlecht" ausdrücken zu wollen, muß man es in anderen Stilformen perfekt können. Die Komplexität der benutzten Stilmittel kann nur ansatzweise beschrieben werden. Besser eignen sich Beispiele aus Storyszenen, die typisch für die Ausdrucksform des Cyberpunk sind. Betrachtet man nachfolgenden Textauszug und die Umsetzung, wird schnell deutlich, worin der Unterschied  in der Erzählweise liegt:
 
Das linke Auge von Merro, ein preiswertes optisches Plastikerzeugnis mit geringer Auflösung, war mittlerweile durch den sauren Regen und den Smog defekt. Ein Neues wäre auf der Strasse für 60 Dollar zu bekommen. Der Markt war voll von Sonderangeboten, ein neuer Arm kostete 200, ein neues Gehirn mit integriertem Datenspeicher über 8000 Dollar, allerdings selbst in den schäbigsten Kliniken nur auf Rezept. An so ein Rezept war nur schwer heranzukommen, selbst eine Fälschung kostete über 8000 Dollar. Dafür musste eine Nutte über ein Jahr anschaffen gehen, und dann bekam sie das Geld auch nur zusammen, wenn sie ihren Job gut machte.
In Guzam hatte alles seinen Preis und Merros Preis waren 500 Dollar. Dafür brachte er jeden um, den sein Auftraggeber lieber unter einer massiven Betonplatte zu liegen wusste. Nur bei Rippern war mit ihm kein Geschäft zu machen.
"Ist das Ziel ein Ripper?", fragte Menno den Kunden, "denn mit Rippern lege ich mich nicht an."

 
Dazu die Umsetzung von Frank Hebben, der den cyberpunk-typischen New Wave wie kaum ein Zweiter in Deutschland verinnerlicht hat:
 
Merros linkes Auge war weiß, blind; Smog und Regen hatten sich tief in die Optik gefressen, die Schaltkreise lahm gelegt. Ein Auge: 60 Dollar, ein Arm: 200, ein künstliches Gehirn mit 2Gig Datenspeicher unter der Hand nur mit Rezept - einem Rezept, dessen Fälschung mehr kostete als das Synth-Organ selbst: über 8000 Dollar. Das waren Blowjobs für ein Jahr, von Kindernutten oder Beatboys.
In Guzam hatte alles seinen Preis – für 500 Dollar brachte Merro jeden um die Ecke, der nicht zu den Rippern gehörte.
"Ist das ein Ripper?", fragte Merro im Kundengespräch, wie er seine schäbigen schwarzen Deals nannte. "Ripper mach ich nämlich nicht."

 
Beide Textausschnitte sind inhaltlich gleich, aber nur der untere erreicht durch die Abweichung in der erzählerischen Umsetzung eine Glaubwürdigkeit, die dem Leben auf der Strasse entspricht. Eine Verbindung der einzelnen Satzsegmente findet dabei kaum statt, die englischen Schlagwörter und Ausdrücke sind, bei dieser Form der Literatur üblich, original, weil es keine oder nur mangelhafte Übersetzungen dafür gibt, die im schlechtesten Fall die Härte der Sprache minimieren würde.
Es ist unstrittig, daß der New Wave Style einen großen Anteil am Erfolg des Cyberpunk gehabt hat. Mittlerweile gibt es sogar den allgemeinen Tenor, das sich Cyberpunk in erster Linie über den Schreibstil manifestiert. Das liegt daran, daß die ursprüngliche Thematik des Cyberpunk kaum noch benutzt wird und es auch andere Bereiche der Literatur gibt, in dem dieser Stil angewendet werden kann.  

Die Zukunft des Genres

Gerade die allgemeine Science-Fiction, die ja den Ursprung für die bekanntesten Literaturwerke des Genres stellt, nutzt in letzter Zeit wieder häufiger Stilelemente und erweiterte Szenarien des Cyberpunk. Das Genre hat sich gewandelt, von einem Subgenre der SF zu einem eigenständigen Literaturzweig und nun integriert es sich augenblicklich wieder zurück in die Science-Fiction. Allerdings finden wir auf dem Markt für Unterhaltungsliteratur ebenfalls viele Beispiele dafür, daß der Cyberpunk, bzw. seine Elemente, auch in den Mainstream eingeflossen sind. Der New Wave Style, mit all seinen Eigenschaften, findet sich in Szene-Büchern wieder und schlußendlich taucht auch hin und wieder ein waschechter Cyberpunk-Roman in einem kleineren Verlag auf. Viele Werke der aktuell veröffentlichten Romane sind tendenziell so stark mit Elementen des Cyberpunk infiltriert, daß wir ihn als eigenständiges Genre überhaupt nicht mehr wahrnehmen.
Es muß nämlich nicht Cyberpunk auf einem Buchcover prangen, um vom Leser als Cyberpunk identif iziert zu werden. Für den Einen ein kühl geschriebener aktueller Technik-Thriller, ist es für den Anderen ein echter Cyberpunk-Roman.  
 
Für das Beispiel zum typischen Schreibstil des Cyberpunk bedanken wir uns beim Autor Frank Hebben, der den Textausschnitt für die Veröffentlichung im Zusammenhang mit diesem Artikel freigegeben hat.